Eine Beleidigung für unsere Toten

16. Oktober 2009 | Von msuess | Kategorie: Aktuelles

So nennt der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa die Meldung der britischen Times, um die es hier heute gehen soll.
Was war passiert?
Es liegt schon etwas länger zurück. Daniel Neun, der rührige Politbloger, dessen Haltung wir teilweise, schon deshalb nahe stehen, weil er auch von Dilletanten unter Faschismus 2.0 subsummiert wurde, ihm gleichfalls regressive Kapitalismuskritik vorgeworfen wurde, schrieb, als es noch frisch war:

US-Militärs und afghanische Truppen bringen französische Soldaten um, der französische Kommandeur von Kabul schickt keine Unterstützung und der Pariser Generalstab lügt über den Hinterhalt.

Hinterhalt von Andrea Rinninsland, Acryl auf Leinwand

Hinterhalt von Andrea Rinninsland, Acryl auf Leinwand


Eigentlich kann man an diesem Beispiel gut fest machen, wie, von amtlicher Desinformation hervor gerufen, wilde Gerüchte entstehen. Stellvertretend möchte ich hier auch die chemtrails erwähnen. Im ZDF hieß es mal, ja, die Chemtrails gibt es tatsächlich, zu dem Zwecke, daß da Wasser fließe.
Ach nein, das war wieder woanders her.
Laut dem Zweiten Deutschen Fernsehen, das man, vertraut man bekannten Fernsehgrößen, besser sehen kann, wenn man das eine Auge abdeckt, werden die Chemtrails geflogen, um den Folgen der globalen Erwärmung, den Folgen des menschgemachten Klimawandels zu begegnen. Ulkig beziehungsweise offen bleibt da etwa, warum dann nicht Chemtrails gerade in den von Dürre betroffenen Mittelmeerländern angewandt, die Felder und Orangenheine dort konventionell bewässert werden.
Egal, hier geht es um etwas anderes.
Laut der Britischen Tageszeitung Timessoll der italienische Geheimdienst SISMI afghanischen Aufständischen mehrere zehntausend US-Dollar Schutzgeld gezahlt haben, um sie von Angriffen auf italienische Truppen abzuhalten. Da kann man fast von Glück reden. Von dem Glück, daß die Gringos 1971 mit den Saudis diesen Öl-Konvertiblitätsdeal getroffen haben, welchem zufolge Mineralölprodukte, wie jene fossilen Brennstoffe, die man in Kriegen besonders viel braucht, nur in US$ gehandelt werden dürfen.
In Hinblick auf die Weltwirtschaftskrise, in Industrie- und dahin aufstrebenden Ländern angehäufte Reserven in US-Dollar mag man sich bei den Verantwortlichen in Italien, das in der Hitliste der Länder mit den höchsten Dollarreserven notwendig hinter China und Japan steht, gedacht haben, dies sei ein guter Weg, sich von dem immer wertloser werdenden Geld zu trennen.
Auch war erst dieses Jahr wieder eine Bilderberger-Konferenz, von der sich viele, viele BlogerInnen eine Ablösung des “Greenback” als Welthandelswährung erhofft hatten. Wenn die “Koalition der Willigen” schon auf geklaute Tanklaster schießt, brauchen die Afghanischen Aufständischen bestimmt auch ein bißchen Treibstoff für ihre Aktivitäten, den sie davon kaufen könnten.

Nicht nur für die aufständischen AfghanInnen, jene in Palästina oder auch die Zivilbevölkerung gilt, sie haben in der Regel Verwandte. Verwandte, die sie von Familienfeiern her kennen, solche, von denen sie groß gezogen wurden, solche Verwandte, mit denen sie gemeinsam gespielt haben, gemeinsam auf dem Feld gearbeitet, und solche Verwandte, die anderweitig beschäftigen konnten. Es gilt auch für die Soldaten der Okkupantenmächte. So war also am 18. August 2008 eine französische Einheit in der Nähe ihres Stützpunktes Surobi in der Provinz Kabul in einen Hinterhalt geraten, bei dem zehn Soldaten von den Angreifern getötet wurden, hieß es schon damals offiziell.
Daniel Neun hatte damals entgegen allen Mühen besser recherchiert:
“Sicher ist, sie starben in einem Hinterhalt wie Wildtiere”, so gestern der Onkel eines der am Montag in Afghanistan getöteten zehn französischen Soldaten, der am Flughafen auf den Sarg seines Neffen wartete.
Die Worte Hinterhalt, starben, wie und Wildtiere in einem Satz sind bestens dazu geeignet, daß sich Vegetarier selbstgerecht über ihre Mitmenschen erheben, doch zurück zu Dani Sahne:
“Was ebenfalls sicher ist: sie wurden getötet durch NATO-Bomber, durch US-Truppen und afghanische Einheiten.”
Wahrscheinlich ist auch, daß; verbunden mit Frankreichs neuer Rolle innerhalb der NATO, die durch seinen amtierenden Ministerpräsidenten Nicolas Sarkozy eingeleitet wurde, diese zehn getöteten französischen Berufssoldaten die Heimatfront festigen sollten, wie es die Ereignisse vom 11. September 2001 in den USA vollbrachten, denn die bekannte französische Zeitung Le Monde schrieb über den 18. August 2008:

Die französischen Soldaten des 8. Fallschirmspringer-Regiments der Marine, des 2. Fallschirmspringer-Regiments der Fremdenlegion und des Regiments des Tschad-Marsches (” Régiment de marche du Tchad (RMT)” sind gegen 13.30 Uhr mittags im Rahmen einer ISAF-Mission unterwegs auf einer Straße, die zur Stadt Sarobi führt, deren Distrikt die französische Militärführung erst kürzlich im Rahmen der von Präsident Sarkozy verfügten Truppenaufstockung von den US-Militärs als “Verantwortungsbereich” (Besatzungszone) übernommen hatte.

Die Straße, von der damals in Le Monde und jetzt wieder in der Times die Rede ist, führt aus der Stadt, die die aus dem Ruder gelaufene Marionette Hamid Karsai eigentlich, im Gegensatz zum übrigen Land, kontrolliert, wird in ihrem Verlauf sehr bald zu einem engen Pass, ist aber noch Teil der Region (Groß-)Kabul.
Die Französischen Berufssoldaten, genauer ein Herr Michel Stollsteiner, und die ihm unterstellte Einheit, hatten wenige Wochen zuvor Surobi von den Italienern übernommen, die sie – laut Times – nicht über ihre Abmachungen mit den Aufständischen informiert hätten, und im Vertrauen darauf, daß die Italiener zuvor kaum angegriffen worden waren, angenommen, daß die Gegend sicher sei und sich unvorsichtig verhalten. Auch hieß es, die französischen Söldner seien viel zu schwach mit Kriegsgerät ausgerüstet gewesen.

In Zusammenhang mit Italien, seiner Beteiligung an NATO-Angriffskriegen seit 9/11, erinnert sich mancher an die Journalistin Julia Screna, für die angeblich kein Lösegeld gezahlt wurde, im Zuge von deren Befreiung aus der Geiselhaft jedoch einer ihrer Befreier, wiederum Angehöriger einer italienischen Spezialeinheit, mittels “friendly fire” aus Gewehrrohren der Gringos seinen Tod fand. Schon unmittelbar nach diesem Vorfall war Silvio Berlusconi überrascht, erzürnt, oder tat wenigstens so, forderte schon mal den Rückzug der italienischen Söldner aus der immer brüchiger werdenden Koalition der Willigen.

Wie schon beschrieben, gilt Krieg generell auch für unfreiwillig Beteiligte, und mithin jene Straße nahe Kabul als extrem gefährlich. Das Ziel, also der Ort, der am anderen Ende des Sarobi-Passes liegt, hätte sich auch anders erreichen lassen, dennoch erklärte der französische Generalstabschef General Jean-Louis Georgelin bei einer Pressekonferenz nach dem Tod der 10 Elitesoldaten, daß es nötig gewesen sei, die Soldaten zu Fuß auf die Paß-Spitze zu schicken. Die französischen Soldaten waren nicht allein unterwegs, sondern zusammen mit US-Spezialeinheiten und afghanischen Militärs. Diese hielten sich hinter den Franzosen.

In dem Augenblick, als die französischen Truppen die Pass-Spitze erreichten, gerieten sie in den Hinterhalt. Generalstabschef Georgelin wird später in Paris behaupten, in diesen Minuten haben die eigenen Truppen die meisten Verluste erlitten.

Nach Aussage der überlebenden Soldaten passiert jedoch folgendes:

Vier Stunden lang erhalten die Franzosen im Gefecht nicht nur keine Unterstützung durch US-Soldaten und afghanische Truppen hinter ihnen – sondern werden sie von den eigenen “Verbündeten”, darunter Elite-Scharfschützen, direkt unter Feuer genommen. Sie müssen sich nach allen Seiten verteidigen. Die Munition geht ihnen aus. Das eigene, französische Kommando in Kabul unter Michel Stollsteiner (dort, von wo aus man sich auf den Weg machte) bricht die Verbindung zu den seinen ab. Wer jetzt an die Erzählung von Jesus von Nazareth denkt, der, am Kreuz angeschlagen, gerufen haben soll:

“Vater, warum hast du mich verlassen?”

kann sich ungefähr ausmalen, wie sich die eingekesselten Söldner gefühlt haben müssen, was sie zuletzt gedacht haben mögen.
Die Schilderung solch komplexer Vorgänge geriet für manche LeserIn womöglich in die Nähe eines nacherzählten Spielfilms, und daher sei der besseren Vorstellung zuliebe erwähnt Verstärkung noch Entsatz kommen nicht, obgleich 5.000 NATO-Soldaten nur 30 Meilen entfernt sind.

Nun bringt man ob verschiedener Millieufilme seit den 70er Jahren Italien nachgerade wie als Reflex mit Schutzgeld in Verbindung wie Haie mit Badeurlaubern, wird geleugnet, was nicht sein darf, und so dementierte die italienische Regierung von Silvio Berlusconi den britischen Bericht umgehend: Sie habe niemals irgendwelche Zahlungen an die Taliban autorisiert oder ihnen zugestimmt. Sie habe auch keine Kenntnisse, daß so etwas unter ihrer Vorgängerin, der von Romano Prodi geführten Regierung, passiert sei. (jw)

Was an diesen Vorwürfen bezüglich gezahlter Schutzgelder dran ist, werden auch die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Auffällig ist aus meiner Sicht, daß, wie schon Jürgen Elsässer ein paar Tage zuvor schrieb, Silvio Berlusconi ja noch nie so recht ein Vorbild für demokratische Amtsausübung, gesitteten, monogamen Lebenswandel und anderes angeblich beispielhaft für das westliche Wertesystem Stehende war, ja, er noch nicht mal so ein hochnäsiger, sich auf Europa beziehender Philanthrop war, ausgerechnet jetzt aber, in Zusammenhang mit Southstream, Russland und Nabucco unter einem in seiner Intensität nie gekannten Beschuß steht, ihm eine für andere Politiker selbstverständliche Immunität vor Strafverfolgung entzogen werden soll.

Geht es Ihnen auch so? Denken Sie jetzt auch gerade an Enrico Mattei, den einstigen Chef des staatlichen italienischen Erdölkonzerns ENI, der am 27. Oktober 1962 unter ungeklärten Umständen mit seinem Flugzeug zu Tode kam, oder an eine Kette rauchende Susanne Osthoff, an die Einführung von Angela Merkel ins Amt der Bundeskanzlerin, nach welcher ganz plötzlich, noch bevor die Betroffene in Afghanistan es selbst erfuhr, Sie schon aus den deutschen Leidmedien “erfahren hatten”, daß die Entwicklungshelferin entführt worden sei?

Die “Rapid Force”, die schnelle Eingreiftruppe, ist vorgeblich, allen militärischen Grundregeln und Einsatzmustern widersprechend nicht in Bereitschaft. Die afghanischen Soldaten, die mit den Franzosenauf die Patrouille gingen, nahmen sie immer dann unter Feuer, wenn sie versuchten, sich vom Pass zurückzuziehen. Dann kamen noch NATO-Bomber. Sie griffen die Franzosen an und töten mehrere Soldaten.
Über 13 Stunden gingen die Gefechte, schließlich wurden die letzten verwundeten Franzosen gegen 2 Uhr nachts am Dienstag, dem Tag darauf, evakuiert.

Sollten Sie mal, Krieg ist ja laut Herrn Jung auch in Afghanistan nicht, bei einem Verkehrsunfall verletzt werden, schafft man Sie bestimmt schneller in eine nahegelegenes Krankenhaus, kommt ganz ohne Bombenflugzeuge aus, und dennoch sind die Chancen der Überlebenden, mit reparablen Schäden da von zu kommen, schlecht.

Die Französischen Leidmedien sind noch nicht so ganz gleichgeschaltet, und so veröffentlichte Le Monde:
schließlich die Darstellung der französischen Elite-Soldaten, die Regierung in Paris verweigert jedoch einen Kommentar dazu, später steht in Kabul der zufällig geplant nach Afghanisten gereiste französische Präsident Sarkozy in der französischen Regionalkommandatur General Stollsteiners vor den Särgen der Toten und verneigt sich – die Presse ist eingeladen – und sagt den Überlebenden:

“Die beste Weise, Euren Kameraden die Treue zu halten, ist es, weiter zu machen, den Kopf zu heben, professionell zu handeln”. Der Afghanistan-Einsatz sei “unerläßlich” im Kampf gegen den inter-nationalen Terrorismus. “Warum sind wir hier? Weil es hier um einen Teil der Freiheit in der Welt geht”. (Radio Utopie)

Abschließend noch kurz zurück zu den Italienern und eventuell gezahltem Schmiergeld:
Die italienische Reaktion kam verdächtig schnell, findet u. a. jw. Berlusconi war erst am 8. Mai 2008 wieder Regierungschef geworden. Falls es wirklich Abmachungen zwischen den Italienern und einzelnen Taliban-Führern gegeben haben sollte, so dürfte das mit Wahrscheinlichkeit vor dem dritten Amtsantritt Berlusconis gewesen sein, was ihn zumindest in der Hinischt entlastet.

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